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Ausstellung Marion Eichmann

Kunst in Sicht Sonja Edle von Hoeßle und Herbert Mehler

Gemälde Öl auf Leinwand
sea wave (Öl auf Leinwand)
Quelle: Sonja von Edle Hoeßle
<< Alles fließt >>

Einführung in die Ausstellung von und mit Dr. Antje Lechleiter ©, Freiburg/Br.

 

Seit 2015, also schon seit einigen Jahren findet sich das Künstlerehepaar Sonja Edle von Hoeßle und Herbert Mehler ab und an zu einer gemeinsamen Ausstellung zusammen. Unter dem Thema „Alles fließt“ zeigen sie hier in Lahr Skulpturen aus Stahl und Aluminiumguss, hinzu kommen drei Gemälde der Künstlerin, in denen sie ihr Ausstellungsthema in Öl auf Leinwand visualisiert.

Auf ganz unterschiedliche Weise, nämlich farbig und unbunt, im großen und im kleinen Format, erleben wir heute wieder, dass uns dreidimensionale Kunstwerke ganz verschiedenartige Erfahrungen über den Raum vermitteln. Bei Sonja Edle von Hoeßle macht eine Linie, die diesen durchquert, entsprechend ihrer Richtung und Länge eine Strecke, einen Weg im Raum sichtbar. Die Körperlichkeit der Arbeiten von Herbert Mehler verdrängt hingegen Raum und besetzt einen Teil von ihm.

Sonja Edle von Hoeßles Endlosschleifen sind nicht nur ungemein dynamisch und formulieren Bewegungslinien im Raum, auch wir müssen uns bei der Betrachtung bewegen, denn die Ausrichtung der Arbeiten ist flexibel, je nach Standort nehmen sie verschiedenste Erscheinungsformen an. Mir scheint es, als habe die Künstlerin den Aufbau eines Musikstückes mit der Idee einer sich verändernden Skulptur verbunden. So gibt es ruhigere und dynamischere Abschnitte, Motivwiederholungen und Motivvariationen. Es ist faszinierend, wie sich diese Schleifen immer an der Grenze des Gleichgewichtes entlang tasten. Sie stehen auf den Kreisbögen, lassen sich bewegen, und man hat das Gefühl, als würden die Arbeiten fast schon schweben. Gleichzeitig erleben wir die Spannung zwischen dem spröden, schwer zu biegenden Stahl und der heiteren, spielerischen Leichtigkeit der Skulptur.

In den ausgestellten Werken zeigt Sonja Edle von Hoeßle, dass Kunst eine sinnliche Erfahrung ist und nicht nur den Verstand ansprechen will. Jedes dieser Werke wäre im riesigen Format vorstellbar, so, dass man sich theoretisch in die Skulptur hineinbegeben und an ihrer Veränderlichkeit teilhaben könnte. In diesem Sinne interagieren ihre Endlosschleifen mit dem Betrachter und dem Raum. Obgleich sie kein Abbild natürlicher Prozesse zeigen, erleben wir eine vergleichbare Idee von Bewegung und Veränderung. Diese manifestiert sich im Wechselspiel von Linien, Kurven und Kreuzungspunkten. Auf diese Weise tragen die Stahlskulpturen Ruhe und Dynamik in sich, sie schwingen in den Raum hinein und kommen wieder zur Ruhe, sie dehnen sich aus und ziehen sich wieder in sich zurück.

Mitte der 1990er Jahre entwickelte die Künstlerin das Motiv der Endlosschleife aus Zeichnungen heraus und schließlich entstand der Wunsch, diese Gestaltungen auch in die dritte Dimension zu bringen. Noch immer liegen ihren Werken Zeichnungen und kleine Modelle zugrunde und man könnte sie in der Tat als Raumzeichnungen ansprechen, denn mit ihren Linienführungen umreißen sie einzelne Raumabschnitte, definieren einen Binnen- und einen Umraum. Es entstehen Ein- und Durchblicke und dabei hat der Leerraum - vergleichbar der Pause in der Musik - die gleiche Bedeutung, wie das materiell Vorhandene.

Die Künstlerin behandelt die Oberfläche des Stahls lediglich mit einem Metallwachs, und so liegt unser Fokus ganz und gar auf der Form, wir folgen den Linien mit unserem Auge, tasten ihren in sich selbst zurückführenden Verlauf ab. Die Endlosschleife ist natürlich mit Begriffen wie "Unendlichkeit" und "Grenzenlosigkeit" verbunden und so lag es nahe, diesen Gedanken durch eine Blattvergoldung zu verstärken. Das Werk ihrer Goldedition leuchtet wie aus sich selbst heraus, und man könnte sich diese Arbeit nun nicht nur im ganz großen, sondern auch im in ganz kleinen Format, etwa als Brosche vorstellen.

Wir bleiben beim Thema Farbe und blicken zu den drei Gemälden "Spring rain", "Splash" und "Flow". Auch in ihrer Malerei spielt der Umgang mit einem Material, in diesem Fall Ölfarbe, eine ganz zentrale Rolle. Denn inspiriert von Farbbewegungen und in Verbindung mit persönlichen Eindrücken entstehen abstrakte Kompositionen, die aber durchaus das Erleben von Natur, beispielsweise den Akt der Wahrnehmung von Wasseroberflächen mit farbigen Spiegelungen in sich tragen. Analog zu solchen Reflektionen gewinnt die Farbe in diesen Bildern eine überraschende Leichtigkeit, sie fließt, wirkt lichtdurchtränkt und immateriell, teilweise wirken diese transparenten, lichten Kompositionen wie Aquarelle. Mir gefällt, wie sich diese Werke scheinbar in alle Richtungen hin auszudehnen und ein Gefühl der Grenzenlosigkeit vermitteln. Der Zufall spielt hier durchaus eine Rolle, ganz im Unterschied zu ihren genau geplanten Skulpturen, weiß die Künstlerin anfänglich nicht, was im Laufe des Malprozesses entstehen wird und sie gibt sich ganz der Handlung am Bild, der Auswahl und Setzung der Farben hin. Diesen Weg zum Bild sieht man den Kompositionen an. Sie bestechen nicht nur durch ihre fertige Form, sondern lassen auch die Farbbewegungen erahnen, denen sie entsprungen sind.

Die Werke von Herbert Mehler kommen Ihnen vielleicht bekannt vor, denn der Künstler war 2012 anlässlich der Reihe "Kunst in die Stadt!" schon einmal hier in Lahr zu Gast. Am Schlossplatz steht dauerhaft eine Arbeit aus Cortenstahl, sie ist 3 Meter hoch und man könnte sich auch die hier gezeigten vier Aluminiumgüsse und die Skulptur aus lackiertem Cortenstahl problemlos im Großformat vorstellen. Mich faszinieren diese aus einzelnen Lamellen zusammengefügten Skulpturen, die so mächtig sind und sich dennoch so leicht und scheinbar schwerelos im Raum entfalten. Herbert Mehler sagt, dass er nach ursprünglichen, archaischen Urformen sucht. Man mag Samenkapseln oder Fruchtkörper assoziieren, die sich nach oben schieben oder kelchartig öffnen. Überdies verweist die von ihm erarbeitete Lamellentechnik auf die Möglichkeit der weiter verändernden Entfaltung solcher Gebilde. So lässt sich feststellen, dass der Künstler in der Natur Vorhandenes konstruktiv in den Aufbau seiner symmetrischen, aus Säulen-, Spindel- oder Kreiselformen aufgebauten Objekte übernimmt. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass sich Natur und Geometrie nicht widersprechen, denn auch die Natur arbeitet mit ästhetischen Prinzipien wie Progression, Rhythmus und Durchdringung. Herbert Mehler will über die Beschaffenheit seiner Formen und den kompositorischen Akt jedoch kein direktes Abbild der Natur materialisieren, sondern führt mit seinen Werken das Wesen der Dinge, die Vielfalt und Wandelbarkeit der sichtbaren Welt vor Augen. So verweisen die Titel zwar auf Gegenständliches, doch was wir sehen ist weniger eine Flamme, als ein Emporzüngeln, weniger eine Zypresse als die Idee von Vertikalität und weniger eine Kappe als die Dehnung eines Körpers in den Raum hinein. Wir sehen Symbole, die für Leben und Wachstum schlechthin stehen könnten.

Die Wirkung des Lichtes auf den farbigen Oberflächen spielt bei der Betrachtung eine ganz wesentliche Rolle. Sie erzeugt den Eindruck von Diaphanie, also von räumlicher Auflösung, denn die Arbeiten wirken durch die Reflektion des Lichtes in der Mitte dunkler und an den Seiten heller. Dieses Verwischen von Raumgrenzen entmaterialisiert die Skulpturen und macht sie zu etwas Transzendentem. Und noch etwas anderes fällt auf: Unter dem Einfluss von Licht entsteht ein Spiel zwischen den vor- und zurücktretenden Abschnitten und dieser Wechsel von hellen und dunklen Partien hat in meinen Augen eine geradezu barocke Qualität. Denn wie bei Bauwerken dieser Epoche erhält ein ruhiger Grundkörper durch die Durchdringung mit konvexen und konkaven Abschnitten eine ganz erstaunliche Bewegungsfähigkeit. So strahlen diese Werke eine unglaubliche Vitalität und Dynamik aus. Betrachten wir die beiden unterschiedlichen Ausführungen von "cipresso" und "beretto", so zeigt sich überdies, dass auch die Farbe die Wahrnehmung der Form grundlegend modifiziert.

Herbert Mehler gelingt es, organoid und geometrische Formen zu filigranen Faltungen zu verschwistern. Gleichzeitig verfügen seine Skulpturen über ein Massenvolumen, das Raum verdrängt. Sonja Edle von Hoeßle klappt hingegen Kreisbögen und Geraden aus der Fläche in den Raum, so erscheint Raum auch als Zwischen-Raum, der durch die Linien aus Stahl begrenzt und damit markiert wird. Betrachten wir diese unterschiedlichen skulpturalen Lösungen sowie die Gemälde der Künstlerin, dann erschließt sich doch ein großes und verbindendes Hauptthema dieser Ausstellung. Und dieses lautet - Bewegung!

Virtueller Rundgang durch die Ausstellung